Gefährliche Challenges
Dieser Artikel berührt teilweise sensible Themen wie Selbstgefährdung und selbstverletzendes Verhalten. Wenn es dir gerade nicht gut geht oder dich Gedanken an Selbstverletzung beschäftigen, bist du damit nicht allein – Stellen wie die Nummer gegen Kummer (116 111) hören dir zu und helfen weiter.
Was sind Challenges überhaupt – und wann werden sie gefährlich?
Challenges sind nichts anderes als Mutproben oder Herausforderungen und sind besonders in sozialen Medien beliebt. Jemand führt eine bestimmte Aktion aus, filmt sich dabei und stellt das Video online. Wird es beliebt, machen es andere nach und posten ihre eigene Version. Oft fordern die Teilnehmenden sich gegenseitig namentlich heraus oder nominieren andere.. Bekannt wurde das Phänomen vor allem 2014 durch die „ALS Ice Bucket Challenge", bei der sich Menschen einen Eimer Eiswasser über den Kopf gossen, um auf die Nervenkrankheit ALS aufmerksam zu machen und Spenden zu sammeln.
Eine Sache Vorweg: Die meisten Challenges sind harmlos und machen einfach Spaß. Eine Studie der Landesanstalt für Medien NRW („Challenge Accepted", Februar 2024) untersuchte, welche Challenges auf TikTok kursieren und wie gefährlich diese sind: 64,6 % sind harmlos, weitere 4,9 % sogar positiv. Knapp ein Drittel (30,5 %) ist jedoch potenziell körperlich oder psychisch gefährlich und 1,1 % können sogar tödlich enden. Gefährlich wird es dann, wenn eine Challenge dich oder andere körperlich, psychisch oder rechtlich in Gefahr bringt.
Welche Arten von gefährlichen Challenges gibt es?
Gefährliche Challenges lassen sich grob danach einteilen, ob du dabei vor allem dich selbst oder auch andere gefährdest:
- Ohnmachts- und Würgespiele: Bei der „Blackout Challenge" (auch „Choking Game" oder „Pilotentest") wird die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn unterbrochen, bis man ohnmächtig wird (bspw. durch "Luft anhalten" oder mit Plastikbeuteln). Das ist eine der gefährlichsten Varianten überhaupt: Laut mehreren Klagen gegen TikTok sollen 2021 weltweit mindestens sieben Kinder zwischen 8 und 14 Jahren daran gestorben sein. Bloomberg (Nachrichten- und Medienunternehmen mit Hauptsitz im Bloomberg Tower, New York City) berichtet sogar dass die Challenge mit dem Tod von rund 20 Kindern innerhalb von 18 Monaten in Verbindung steht.
- Essens- und Schärfe-Challenges: Bei der „Hot Chip Challenge" bzw. „One Chip Challenge" soll man extrem scharfe Chips vor der Kamera essen, ohne die Schärfe zu neutralisieren. Klingt erstmal harmlos, führte aber wiederholt zu Verletzungen der Speiseröhre, Atemnot sowie Magen- und Kreislaufproblemen (Ins Netz gehen; aktion-tu-was/Polizei). Auch die Variante mit dem "Salt Chip", bei welcher ein besonders salziger Chip gegessen wird, kann zu Dehydrierung und Elektrolytmangel führen.
- Stunt- und Sturz-Challenges: Bei der „Milk Crate Challenge" werden Getränkekästen möglichst hoch gestapelt und erklommen – Stürze und ernste Verletzungen inklusive.
- Challenges, die andere gefährden: Bei der „Skullbreaker-Challenge" (dt. „Schädelbrecher") stellen sich drei Personen nebeneinander; die mittlere springt hoch, während die beiden anderen ihr die Beine wegtreten. Sie fällt und landet oft auf dem Rücken oder Kopf. Mediziner warnen vor Gehirnerschütterungen, Wirbel-, Becken- und Schädelbrüchen bis hin zur Querschnittslähmung. Wichtig zur Einordnung: Laut der Servicestelle Kinder- und Jugendschutz wird vor manchen dieser Challenges mehr gewarnt, als sie tatsächlich verbreitet sind – der überwiegende Teil junger Menschen erkennt, dass so etwas Unsinn ist. Das ändert aber nichts daran, dass die Verletzungen im Einzelfall sehr real sind.
- Angst- und Kettenbrief-Phänomene: Bei „Momo" oder der „Blue Whale Challenge" erhalten Teilnehmende angeblich gefährliche oder selbstverletzende Aufgaben und werden mit Drohungen unter Druck gesetzt; beide werden mit Suiziden in Verbindung gebracht. Bei beiden ist allerdings unklar, was wahr und was Fake News ist.
Warum machen so viele junge Menschen mit?
Das hat handfeste Gründe – und die liegen nicht daran, dass jemand „dumm" wäre:
- Pubertät: In der Jugend (etwa ab 10 bis Mitte 20) wachsen besonders die Hirnregionen, die auf Emotionen und Belohnung reagieren. Gleichzeitig ist das Urteilsvermögen noch nicht voll ausgereift. Das macht risikofreudiger – Adrenalin und Dopamin spielen eine große Rolle, und wer eine Mutprobe besteht, fühlt sich großartig. Dieser Umbau führt dazu, dass Jugendliche Risiken schlechter einschätzen können.
- Likes fühlen sich an wie eine Belohnung: Soziale Anerkennung messen viele an Likes und Kommentaren. Laut einer UCLA-Studie (UCLA= University of California, Los Angeles) leuchten bei Teenagern, die Likes bekommen, dieselben Hirnareale auf wie beim Essen von Schokolade oder beim Geldgewinn.
- Der Algorithmus verstärkt alles: Je spektakulärer oder riskanter ein Video, desto höher die Interaktion – und genau solche Videos spielen die Algorithmen häufiger aus. So entsteht schnell der Eindruck, „alle" würden mitmachen).
- Gruppendruck und Zugehörigkeit: Im Jugendalter ist die Gruppe der Freunde extrem wichtig. Haben Leute aus deinem Umfeld schon mitgemacht, kann das großen Druck aufbauen – besonders, wenn die Aufforderung öffentlich passiert (Familienportal NRW). Es geht oft darum, sich etwas zu beweisen und dazuzugehören.
- Der Traum vom Viral-Gehen: Influencer:innen sind Vorbilder, und viele hoffen, mit einem Challenge-Video bekannt zu werden. Manchmal stecken hinter der Teilnahme aber auch versteckte Hilferufe.
Welche Gefahren und Folgen drohen wirklich?
Körperlich: Für Anerkennung oder Nervenkitzel werden Hemmschwellen überschritten – die Folgen reichen von Stürzen über Verbrennungen bis zur Lebensgefahr. Je nach Challenge sind Atemnot, Kreislaufprobleme, Brüche, Gehirnerschütterungen, bleibende Schäden, Koma oder im schlimmsten Fall der Tod möglich.
Psychisch: Der Druck mitzumachen, die Angst zu versagen oder bloßgestellt zu werden, kann stark belasten. Manche Challenges fördern direkt Cybermobbing, indem sie dazu auffordern, andere zu verletzen oder zu beleidigen (SCHAU HIN!). Auch das bloße Ansehen kann schaden: Bilder von Verbrennungen, Narben oder Wunden können die Hemmschwelle senken und schädigendes Verhalten anregen.
Rechtlich: Das wird oft komplett übersehen. Wer bei einer Challenge eine andere Person verletzt, kann wegen Körperverletzung belangt werden. Z.B. bei der Skullbreaker-Challenge können die „Beinsteller" angezeigt werden. Wer jemandem hilft, sich in Ohnmacht zu bringen, kann sich strafbar machen, wenn etwas passiert. Sachbeschädigungs-Challenges fallen unter § 303 StGB: Wer fremde Sachen vorsätzlich beschädigt, riskiert Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren. In Deutschland ist man ab 14 Jahren strafmündig; dann gilt das Jugendstrafrecht mit erzieherischem Schwerpunkt (§ 19 StGB; JGG). Für entstandene Schäden kann man aber schon ab 7 Jahren zivilrechtlich haftbar gemacht werden – auf den Reinigungs- oder Reparaturkosten bleibst du dann sitzen. Und: Schon das Weiterleiten oder Teilen mancher Challenges kann strafbar sein.
Zur Einordnung: Die meisten Challenges sind „Strohfeuer", die nur wenige Wochen halten und die meisten gesundheitsgefährdenden Mutproben bleiben Randerscheinungen. Außerdem gilt: Nicht jede Challenge, die du siehst, ist echt – mit dem richtigen Aufnahmewinkel und Videobearbeitung lässt sich viel tricksen. Panik ist also unangebracht – gesunde Vorsicht aber sehr wohl.
Können Challenges auch etwas Gutes sein?
Ja, absolut – sonst wäre eine pauschale Verurteilung auch unfair. Die Ice Bucket Challenge hat 2014 weltweit Aufmerksamkeit und Spenden für die Erforschung von ALS gesammelt. Challenges können inspirieren, etwas Gutes für sich oder andere zu tun und sie machen beim gemeinsamen Nachmachen einfach Spaß. Geschicklichkeits-, Tanz- oder Fitness-Challenges wie die „Bottle Cap Challenge" oder die „Plank Challenge" sind harmlos und können sogar motivieren. Der Wunsch, sich mit Freund:innen zu messen, ist im Jugendalter völlig normal und sollte ernst genommen werden. Es lohnt sich also, gezielt nach sicheren, kreativen Challenges zu suchen, statt das Thema komplett zu meiden.
Woran erkenne ich eine gefährliche Challenge?
Frag dich vor dem Mitmachen ehrlich: Könnte ich mir oder einer anderen Person dadurch schaden? Diese Warnsignale helfen dir bei der Einschätzung:
- Verletzungsgefahr: Geht es um Stürze, Höhe, Feuer, Strangulation, Stromschläge oder Ähnliches? Dann Finger weg.
- Gewinner-/Verliererprinzip mit Folgen: Lustig ist „Wer zuerst lacht, verliert". Nicht okay ist es, wenn dem Verlierer Gewalt droht oder er etwas Unangenehmes tun muss.
- Überwindung und Ekel: Übermäßige Mengen oder abgelaufene Lebensmittel zu essen, kann echte gesundheitliche Folgen haben.
- Ängste und Unwohlsein: Wenn du dich eigentlich nicht traust und dich total unwohl fühlst, hört der Spaß auf.
- Ausschluss oder Aufnahmeritual: Wenn du nur über eine unangenehme oder gefährliche Aufgabe in eine Gruppe kommst – oder rausfliegst, wenn du etwas nicht machst –, ist das ein klares Stoppschild.
Zusätzlich hilft kurze Recherche: Gibt es schon Berichte über Verletzte? Falls nicht, heißt das leider nicht automatisch, dass es ungefährlich ist – manchmal wurde nur noch nichts öffentlich, weil Betroffene sich schämen.
Tipps zum Umgang mit gefährlichen Challenges
Der oberste Grundsatz lautet: Fühlst du dich bei einer Challenge nicht wohl, wird Druck ausgeübt oder ist sie offensichtlich gefährlich, dann musst und solltest du nicht mitmachen. Das ist keine Schwäche – im Gegenteil:
- Trau dich, etwas zu sagen. Es kann viel mutiger sein, eine Challenge abzulehnen, als mitzumachen. Oft braucht es nur eine Person in einer Gruppe, die dagegen ist – dann trauen sich auch andere.
- Halte andere ab. Wenn jemand etwas Gefährliches vorhat, sag offen, dass es gefährlich werden kann.
- Hol dir Hilfe – das ist kein Petzen, sondern Zivilcourage. Wenn auf dem Schulhof oder unter Freund:innen eine gefährliche Challenge läuft, hol eine Lehrkraft oder eine erwachsene Vertrauensperson dazu.
- Teile gefährliche Challenges nicht weiter – auch nicht als Warnung. Jedes Posten, Teilen oder Liken erhöht die Reichweite und kann andere erst recht gefährden.
- Bei akuter Gefahr sofort den Notruf 112 wählen. Wenn jemand bewusstlos ist oder sich ernsthaft verletzt hat, zählt jede Sekunde – ruf den Rettungsdienst (112) bzw. die Polizei (110).
- Melde die Inhalte. Gefährliche oder strafbare Challenges kannst du direkt auf der Plattform (z. B. über die Melde-Funktion bei TikTok, Instagram & Co.) und bei uns auf Netzmelden.de melden.
- Strafbare Inhalte kannst du anzeigen. Das geht bei jeder Polizeidienststelle oder online über die Internetwachen vieler Bundesländer. Wir unterstützen dich gerne dabei oder kümmern uns selbst um die strafrechtliche Verfolgung
- Sprich mit jemandem, dem du vertraust. Ob Eltern, Lehrkraft oder Freund:innen – du musst das nicht mit dir allein ausmachen, besonders wenn dich der Druck belastet.